Depression

Jetzt kommen sie wieder, die dunklen Tage. Es wird spät hell und früh wieder dunkel. Viele Menschen fürchten sich davor, weil sie ahnen, dass sich dann ihre Stimmung verschlechtert.
Andere sind das ganze Jahr über schon angeschlagen.
Helga M . (Name geändert) sitzt mit gebeugtem Rücken in meinem Sprechzimmer. Die Tränen laufen ihr über die Wangen. „Frau Doktor, bei der Arbeit komme ich einfach nicht mehr zurecht. Alles ist mir zu viel. Auch daheim die Hausarbeit schaffe ich kaum noch. Ich weiß gar nicht, wie ich morgens aufstehen soll. Und jetzt ist meine Mutter noch ein Pflegefall geworden. Mir wächst alles über den Kopf“.
Bei Helga M. ist ziemlich sicher: Sie leidet an einer akuten Depression.
Wenn Sie sich fragen, ob Sie auch eine Depression haben, können Sie das mit zwei Fragen testen:
• Wie oft waren Sie in den letzten zwei Wochen niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos?
• Wie oft haben Sie sich im Lauf der letzten zwei Wochen durch Interesse oder Freudeverlust beeinträchtigt gefühlt?

Für beide Antworten gilt:
Überhaupt nicht= 0 Punkte
An einigen Tagen= 1 Punkt
An mehr als der Hälfte der Tage oder = 2 Punkte
Fast jeden Tag = 3 Punkte
Die Punkte der beiden Fragen werden addiert. Wenn Sie einen Wert größer oder gleich drei erhalten, leiden Sie mit ziemlicher Sicherheit an einer Depression.


Bin ich selbst gefährdet dafür, eine Depression zu entwickeln?
Gefährdet sind u.a. diejenigen Menschen, die es besonders gut machen wollen. Sie arbeiten 150% in ihrem Beruf und versuchen, allen Anforderungen gerecht zu werden. Sie möchten, dass ihr Chef zufrieden ist. Sie gehen abends erst heim, wenn alle Aufgaben erledigt sind. Das Wort „Freizeit“ existiert in ihrem Sprachgebrauch nicht. Die Leistung ist wichtiger.
Das geht dann auch eine ganze Zeitlang gut. „Man“ hält viel aus!
Irgendwann aber kommt es zum Erschöpfungszustand, allmählich oder auch sehr plötzlich. Auffällig für mich als Ärztin ist, dass Männer diesen Burnout sehr viel später erkennen als Frauen. Frauen treffen sich öfters und reden – manchmal viel zu häufig – über ihre Befindlichkeitsstörungen und Beschwerden, ehe es zu spät ist.
Männer hingegen halten häufig sehr lange zum Beispiel eine sehr hohe Arbeitsbelastung durch. Dabei nehmen sie eher nicht zur Kenntnis, wenn sie über ihre Kräfte arbeiten. Es ist für sie selbst eher eine Überraschung, wenn „Mann“ dann plötzlich nicht mehr funktioniert. Männer fallen dann sehr viel häufiger aus als Frauen, weil die Erschöpfung komplexer ist. Es treten innere Unruhe, körperliche Beschwerden wie Magenschmerzen, Herzrasen, Sodbrennen Gewichtsprobleme, sexueller Frust, eventuell Alkoholprobleme auf. Familiäre Probleme kommen häufig dazu.
Martin Suter hat in seinen Kurzgeschichten um die Urlaube und Sorgen der Geschäftswelt diese Prozesse mit viel Humor beschrieben.
Manche lernen, der eigenen Arbeit Grenzen zu setzen, manche lernen es nie. Pausen sind überlebens-notwendig. Auch der regelmäßige Schlaf von mindestens sieben Stunden Dauer ist wichtig.
Falls Sie selbst von außen Hilfe benötigen, und das Internet oder Bücher allein Ihnen nicht mehr weiterhelfen, setzen Sie sich am besten zuerst mit Ihrem Hausarzt in Verbindung.
Über den Hausarzt oder Psychiater können Sie eine Gesprächstherapie auf Kassenkosten erhalten. Dabei werden derzeit die Patienten bevorzugt, die in den Haus-und dadurch auch Facharztverträgen eingeschrieben sind, da im Vertrag beinhaltet ist, dass sie innerhalb von 14 Tagen Termine erhalten müssen.
Noch zwei Abschlussfragen für Sie:
• Halten Sie Ihren Lebensstil noch 20 Jahre durch?
• Was wollten Sie schon immer mal machen?


© Dr. med. Sieglind Zehnle, Hausarzt-Praxis Ostfildern-Scharnhausen, Ruiter Str. 7, 73760 Ostfildern

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